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Mittwoch, 8. Februar 2017

Zurück in der Zivilisation

Stadtführung statt Schneemobil-Tour, kleine Parkanalgen statt endloser Wälder – und ja, auch mal ein Rock statt Thermo-Wanderhose (wenn auch immer noch mit dicker Strumpfhose): Nach fünf Tagen in den abgelegensten Regionen Nordamerikas sind wir zurück in der Zivilisation.

„Zum Ende unserer Reise bekommt ihr nach unseren wilden Erlebnissen noch einmal eine volle Ladung urbanes Erlebnis“, hat unser Reiseführer Toby bereits auf dem Weg in die Twin Cities angekündigt. Die Twin Cities, das sind Minneapolis und St. Paul – zwei Schwestern, in deren Metropolregion insgesamt etwa eine Million Menschen leben, die aber verschiedener nicht sein könnten: Denn während in Minneapolis viele historische Gebäude abgerissen und durch moderne Bauten mit Hochglanz-Fassaden ausgetauscht wurden, ist St. Paul für seine gut bewährten historischen Gebäude bekannt. Die Kathedrale etwa: Mit genau 100 Jahren ist sie im Vergleich zu vielen europäischen Gebäuden ein Jungspund, in Nordamerika jedoch ein historisches Schmuckstück, das laut Tripadvisor Publikumsmagnet Nr. 1 ist.


A propos „Nr. 1“: Mit dem Besuch der Mall of America endet unsere Reise. Und auch wenn ich anfangs skeptisch war, ob ein Einkaufszentrum mit eingefrorenen Seen mithalten kann, muss ich sagen: Es kann. Denn die Mall of America ist der weltweit größte Einkaufs- und Vergnügungspark, neben 520 Geschäften lockt ein ganzer Freizeitpark, unter anderem mit der längsten Seilbahn Nordamerikas (die ich natürlich gleich ausprobiert habe!). 40 Millionen Besucher pro Jahr – und das seit 25 Jahren. „Wir erwartet dieses Jahr unseren 1.000.000.000. Besucher“, sagt Marketing-Chef Douglas stolz.

Das Besondere: Minnesota gehört zu den wenigen Bundesstaaten, in denen auf Klammotten und Schuhe keine Steuer fällig ist. Zusammen mit zahlreichen Rabattaktionen lässt sich so – vor allem für Marken-Einkäufer – das ein oder andere Schnäppchen machen. Weil die Mall in unmittelbarer Nähe des Flughafens Minneapolis/St. Paul liegt, planen viele einen Shopping-Stopover ein. „In England gibt es immer wieder besondere ‚Shop til you drop“-Angebote“, erklärt Douglas mit einem Grinsen. Am Freitagnachmittag mit einem Direktflug von London in den Flieger lässt einem dank der Zeitverschiebung noch etwa drei Stunden bis Ladenschluss um 21.30 Uhr – danach in eines der nahen Hotels Einchecken, Samstag und Sonntag powershoppen und Sonntagabend wieder in den Flieger. „Nach der Landung am Montagmorgen um 8 Uhr gehen sie dann direkt ins Büro.“ Der Clou: Durch die Preisersparnisse im Vergleich zum teuren London lassen sich so, kauft man bloß genug, die Flugkosten wieder „reinholen“.

Ich belasse es bei einem kleinen paar Ohrringe als Andenken an die Woche – mehr hätte nach den ersten Tagen, in denen ich meinen Kofferinhalt quasi nachkaufen musste, auch nicht mehr ins Gepäck gepasst. Zum Treffpunkt zur Abfahrt zum Flughafen komme ich dann auch gleich einmal zu spät – aber nicht nur ich. Wir alle haben uns in den Gängen der Mega-Mall zwischenzeitlich verlaufen.





Freitag, 3. Februar 2017

Into the Wild



Auf der anderen Seite des Sees liegt Kanada. Wir sind mittlerweile weit oben im Norden angekommen, und mit Stolz zeigt John Fredrikson auf das Stück Land am anderen Ende der weißen Fläche. „Jetzt, wo der Gunflint Lake zugefroren ist, kann man rein theoretisch bis Kanada rüberlaufen“, sagt John, der gemeinsam mit seiner Frau seit vergangenem Sommer die Gunflint Lodge am Ufer des Sees betreibt. „Hier haben wir glücklicherweise noch keine Mauer.“ John lacht.

Es ist der erste Winter, den das junge Ehepaar das große Anwesen betriebt. Insgesamt 218 Menschen können in den Häusern mitten in der Wildnis schlafen, am Tag warten Skilanglauf, Schneemobil-Touren, Schlittenfahrten und Wanderungen. Handyempfang hingegen ist nicht, WLAN steht nur in bestimmten Gebieten zur Verfügung. „Die Menschen kommen genau deswegen: Sie wollen Entschleunigung", weiß John.


Über eine Million Hektar purer Wildnis gibt es hier oben an der amerikanisch-kanadischen Grenze. Keine öffentlichen Straßen, kein Flugzeuglärm. Das nächste Krankenhaus ist 67 Kilometer entfernt, und wenn ein Baum auf die Straße stürzt, so darf er nicht mit Motorsäge und Maschine, sondern nur händisch entfernt werden.

Auf dem gefrorenen See rasen fünf junge Männer auf ihren Schneemobilen vorbei. Auch eine Art der Entschleunigung, erklärt Kjersti. „Das ist für uns ein perfekter Tag im Schnee, wir machen etwas, das uns Spaß macht, und wärmen uns danach mit heißer Schokolade am Kamin auf.“

Kjersti, die für John das Marketing macht, zeigt uns, wie wir ein Schneemobil fahren. Rechts Gas, links Bremse, „it’s easy!“. Ich bin mutig und versuche mich nicht nur als Beifahrerin, sondern Kurve auch allein über die dicke Schneedecke. Ich weiß jetzt, was Kjersti meint, genieße den Moment und vergesse für einige Minuten mal meine aktuell allergrößte Sorge: meinen noch immer fehlenden Koffer.

Mittwoch, 1. Februar 2017

Wenn einer eine Reise tut...

Die Reise hätte sich nicht besser anhören können: Eine Woche durch Minnesota und Wisconsin touren, den Wintersport in der weißen Wildnis in Bildern festhalten, Ärzte und Versicherte aufspüren, die mit mir darüber sprechen wollen, was sie davon halten, dass ihr neuer Präsident Donald Trump Obamacare abschaffen will.
Doch die Reise hätte leider kaum schlechter starten können: Bereits geboardet, erfahren wir Passagiere an Bord der KLM-Maschine, dass in Amsterdam – unserem Stopp zum Umstieg – der Radar ausgefallen ist. In frühestens zwei Stunden würde es nach der Reparatur „möglicherweise“ weitergehen, und der Anschluss wäre damit ziemlich sicher verpasst. Was also tun? Wir können zwischen zwei Optionen wählen: an Bord der Maschine auf dem Rollfeld verharren und damit mit höchster Wahrscheinlichkeit erst einen Tag später als geplant in Minneapolis ankommen – oder aussteigen, durch das Terminal rennen, den Flug umbuchen lassen und nur leicht verspätet am Zielflughafen ankommen.

Knapp vier Stunden später laufe ich in Reykjavik an das Gate für Flug FI657. Ich habe mich für Variante zwei entschieden, wohl wissend, dass bereits die Reisegruppe mit fünf weiteren Journalisten aus Deutschland und England auf mich wartet.

Als ich die anderen gut acht Stunden später in der Mall of America, dem größten Einkaufs- und Vergnügiungszentrum der USA, treffe, lachen wir. Ich bin die erste, die es aus Deutschland nach Amerika geschafft hat – ein weiterer Kollege musste über Chicago fliegen und erreicht erst um 10 Uhr abends, ein weiterer sogar erst am nächsten Tag. Er verbringt eine Nacht in Amsterdam, weil er den Anschluss wie erwartet verpasst hat.
Doch der Preis für das gewonnene Rennen ist hoch: Denn während ich durch das Frankfurter Terminal gerannt bin, hat es mein Koffer nicht so schnell in den neuen Flieger geschafft. Ich bin ohne mein Gepäck angekommen – und spüre bereits heute Abend, dass das noch Probleme bereiten könnte...
Ein nächtliches Shoppen im 24 Stunden geöffneten Walmart hilft aber zumindest, den nächsten Tag zu überbrücken.

Sonntag, 7. Juni 2015

Ein Buddha der Superlative


Ein kleines Suchbild zum Wochenanfang: Findet Ihr die Menschen? Jawohl, ganz oben rechts stehen sie dicht an dicht gedrängt, um dem Buddha in die Augen zu sehen.

Dass der Andrang so groß ist, ist dabei kein Wunder: Denn der Große Buddha von Leshan in der Provinz Sichuan ist nicht nur groß, er ist das größte Buddhabildnis der Welt. 71 Meter ist er hoch, 24 Meter breit. Allein ein Ohr misst sieben Meter, und ein Zehennagel ist mit 1,60 Meter größer als manch ein Besucher!

Und nicht nur ein Suchbild, nein auch noch einen Fetzen aus der Kategorie "Unnützes Wissen" gibt es zu diesem Bild :) Achtet doch einmal auf die so Buddha-untypische Handhaltung -  normalerweise würde solch eine Persönlichkeit immer eine elegante Handhaltung zum Meditieren einnehmen. Doch statisch hat die Statue die rund 1000 Arbeiter, die sie 80 Jahre lang in den Fels geschlagen haben, vor eine echte Herausforderung gestellt. Und so sitzt der Buddha nicht nur stocksteif an den Fels gelehnt, sondern lässt seine Hände auch ganz enspannt auf den Knien ruhen.

Wer braucht bei solch einer Größe schon die ansonsten so wichtige Symbolik? :)

Donnerstag, 4. Juni 2015

Auf den Spuren von Konfuzius

Drei Tage ist das neue Antirauch-Gesetz in China bereits in Kraft, und geändert hat sich bisher - nichts. Tatsächlich raucht der Nebenmann im Restaurant weiterhin, ebenso der Zugreisende, der am Bahnhof kurz vor der Abfahrt der Zuges noch eine anzündet. Von strengeren Kontrollen ist - zumindest bisher - keine Spur. (Nicht, dass ich das erwartet hätte.)

"Das Lernen ist wie ein Meer ohne Ufer."

Dieses Zitat stammt von Konfuzius - und vielleicht hätte er solch eine Weisheit auch auf die Frage, wie China in Zukunft ein moderndes, nachhaltiges Gesundheitssystem aufbauen kann, gesagt. Denn von heute auf morgen ist eine solche Kampagne eben nicht durchzusetzen - auch nicht im autoritären China.

So, damit aber genug Politisches, Philosophisches, Plattes... Denn das Konfuzius-Zitat habe ich eigentlich nur aus der Schublade geholt, weil ich am Wochenende den Spuren des großen chinesischen Denkers nachgegangen bin.


Gemeinsam mit meiner Freundin Julia bin ich am Samstagmorgen mit dem Schnellzug - durch Chinas Norden führen mittlerweile 10.000 Kilometer dieses bequemen Verkehrsnetzes - nach Qufu aufgebrochen. 

In der "Konfuziusstadt" haben zahlreiche Sehenswürdigkeiten mit dem "Großen Meister" zu tun, der hier geboren und 479 v. Chr. zu Grabe getragen wurde.
So steht in Qufu etwa der größte und gleichzeitig älteste Konfuziustempel der Erde. Die 650 Meter lange Anlage mit ihren zwei Dutzend Toren, hohen Hallen und knorrigen Baumveteranen ist grandios und in jedem Fall einen Besuch Wert - was sich jedoch auch zahlreiche chinesische Touristengruppen dachten, die sich an diesem Wochenende durch weite Teile der Anlage geschoben haben.

Ruhiger geht es hingegen an der Grabstätte des chinesischen Philosophen zu - bleibt man nicht, wie es viele Besucher tun, am eigentlichen Grab stehen, sondern geht noch einige Schritte weiter. Denn dieses liegt gemeinsam mit den Ruhestätten der Nachfahren der Kong-Sippe auf einem riesigen, verwilderten Friedhof, der größer ist als die gesamte Altstadt - und damit wohl der älteste heute noch genutzte Friedhof der Welt. Auf einem drei Kilometer langen Rundweg können Besucher die Stille dieses einmaligen Parks, das Grün der dichten Fauna und das Zwitschern der Vögel genießen, bevor sie sich wieder zurück in den Trubel der Kleinstadt stürzen.



Tatsächlich ging es in Qufu selber keinesfalls ruhig zu. Im Gegenteil: Die Stadt ist zwar ein absolutes Muss für chinesische Touristen, Ausländer verirren sich hier jedoch nicht allzu oft hin. Und so wurden Julia und ich zum Teil so intensiv angestarrt, gemustert und fotografiert, dass es uns zu viel wurde.

Am Abend versuchte eine Wirtin dann sogar glatt, uns über den Tisch zu ziehen! 
Erschöpft hatten wir in einer gemütlichen Garküche an einem Straßenrand zwei Bier und drei Gemüsegerichte bestellt - in Peking würde das in solch einer urigen Atmosphäre rund 50 Yuan (7,50 Euro) kosten. In Qufu also erheblich weniger - oder? 
Die Wirtin, eine auf den ersten Blick nette Frau um die 60, dachte sich aber wohl, dass sie mit den zwei Langnasen ein Geschäft machen könnte. 100 Yuan (15 Euro) sollten wir zahlen! Aber nicht mit uns: Sofort haben wir widersprochen, diskutiert, schließlich sogar den Nachbartisch einbezogen: Als wir denen nämlich erzählten, dass die Flasche Bier angeblich 20 Yuan kosten sollte, haben die Einheimischen nur verwundert geschaut. Kein Wunder, hätte sich doch kein Wirt getraut, Chinesen solch eine Rechnung aufzumachen.
Also haben Julia und ich der Dame kurzerhand 50 Yuan in die Hand gedrückt und sind satt gegessen, aber doch ein wenig enttäuscht nach Haus.

Das ist mir in all meiner Zeit in China noch nirgends passiert - und dann in der Stadt des Konfuzius, dessen Ideal in all seinen Lehren doch stets der "Edle", also ein moralisch einwandfreier Mensch, war... 
Aber wie sagte Konfuzius so schön? 

"Der sittliche Mensch liebt seine Seele, der gewöhnliche sein Eigentum."




 

Dienstag, 26. Mai 2015

Himmlische Stille

Der Himmelstempel in Peking, Mai 2015.
Hier hat der Kaiser auf einer runden Terrasse dem Himmel und seinen Gestirnen im Rahmen eines mehrstündigen Rituals geopfert und um eine gute Ernte für das neue Jahr gebeten.

Montag, 11. Mai 2015

Halbzeit!


Wie schnell die Zeit vergeht, ist mir einmal mehr heute früh aufgefallen. Kaum trete ich aus dem Hauseingang an die frische Luft, blicke ich auf zwei neue Wohnhochhäuser (ok, für China sind es nur Wohnhäuser mittlerer Größe). Als ich vor sechs Wochen in meiner neuen Nachbarschaft angekommen bin, waren diese noch grau, alt, heruntergekommen - viele Wohnungen standen leer.

Bereits als ich vergangene Woche von meiner Reise zurückgekehrt bin, haben die beiden Riesen plötzlich in neuen Farben gestrahlt. Und heute morgen ist mir dann das erste Mal das Leben aufgefallen, das hinter den Scheiben Einzug gehalten hat - die neuen Pflanzen, die Wäsche auf den Balkons, das Licht hinter den frisch geputzten Scheiben.

Die Zeit rast. Kaum irgendwo merkt man das so extrem wie in China.

Auch während meiner Reise in den vergangenen Wochen habe ich viele Orte besucht, an denen die Zeit wie im Handumdrehen vergeht und Bauern sich fragen, wo die neuen Betonklötze vor ihrer Haustür plötzlich herkommen.

Meine letzte Station beispielsweise war Dalian, am Wochenende habe ich die ostchinesische Küstenstadt bei einem Wochenend-Trip besucht. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so viele Baustellen gesehen habe wie in Dalian.

Während alte Stadtteile quasi in Trümmern liegen und Bauarbeiter fleißig daran arbeiten, Altes zu erneuern, sprießen entlang der insgesamt 2000 Kilometer langen Küste der Sonderhandelszone vielerorts luxuriöse Wohn-Wolkenkratzer (und hier sprechen wir dann über 30, 40 oder gar mehr Stockwerke) in die Höhe. Den Quadratmeter gibt es hier ab 2500 Euro.

Vom Entwicklungsland China ist hier nichts mehr zu spüren.



 
Wie schnell die Zeit vergeht, habe ich auch gemerkt, als ich gesehen habe, wie viele Tage bereits seit meinem letzten Blogpost vergangen sind. Sechs Wochen bin ich nun bereits hier, Halbzeit quasi. Nur noch wenige Tage stehen mir in der Uni bevor, das Praktikum in der chinesischen Redaktion - da bin ich mir sicher - wird ebenfalls vergehen wie im Flug.

Ich schreibe deshalb viel, halte jedes einzelne Erlebnis fest, überlege, wo ich weitere Geschichten ausgraben kann, frage Interview-Parnter an. Viel Zeit im Reich der Mitte bleibt nicht, das spüre ich, wenn ich jetzt auf die erste Hälfte zurückblicke. Ich gebe deshalb Gas - so wie die Bauarbeiter vor meiner Haustür.




P.S. Ihr habt Lust, zwischendurch auch mal etwas außerhalb des Blogs von mir zu lesen? Für die Ärzte Zeitung habe ich beispielsweise meine Begegnung mit dem Smog in Peking festgehalten. Auf www.aerztezeitung.de erfahrt Ihr in meiner Kolumne regelmäßig, was mir passiert, wo ich im Alltag über Gesundheit stolpere - und wie sich unsere Ansichten darüber zum Teil doch unterscheiden. 

Freitag, 24. April 2015

Qingdao: Ein Stück Deutschland in China


Aufatmen und Seeluft genießen! Das war unser erster Gedanke, als meine Kollegen und ich zu Beginn der Woche in der ostchinesischen Küstenstadt Qingdao ankamen. Nach der ersten leidvollen Begegnung mit Pekings Smog genossen wir den blauen Himmel und konnten gar nicht genug bekommen von der frischen Meeresbrise.

Damit waren wir auch nicht die einzigen: Schon am frühen Morgen war der Strand in der ehemaligen deutschen Kolonie belebt - nicht nur dank der rund 40 Millionen Touristen, die die Stadt jedes Jahr besuchen, sondern vor allem dank der rüstigen Einheimischen, die sich mit ihrer morgendlichen Gymnastik am Strand fithalten. Da sind Jogger ebenso zu beobachten wie Volleyballspieler, tapfere Schwimmer im noch eisig kalten Meer ebenso wie sanft übende Tai Chi-Gruppen.

Am meisten überrascht hat mich jedoch das Open-Air-Fitnessstudio am Badestrand: Sichtlich in die Jahre gekommen, zum Teil verrostet, die Polster zerschlissen – doch ihren Zweck erfüllen die Fitnessgeräte am Strand noch immer. Gewichte stemmen hier nicht etwa nur junge Bodybuilder, sondern ebenso viele rüstige Rentner, die sich mit dieser morgendlichen Routine fit halten. Respekt!


Hier in der Region kommt in Punkto Gesundheitspflege neben der täglichen Dosis an Bewegung aber noch ein weiterer wichtiger Aspekt hinzu: die Ernährung. Vielen der Meeresfrüchte, die hier ganz selbstverständlich auf dem Speiseplan stehen, wird in der traditionellen chinesischen Medizin eine gesundheitsfördernde Wirkung zugesprochen; und Fisch, der hier quasi direkt vor der eigenen Haustür gefischt wird und deshalb viel öfter als Fleisch auf den Tisch kommt, ist ohnehin gesund. 


Das Wichtigste aber: Die Qingdaoer trinken – entgegen der ersten Vermutung – eben nicht nur das Bier, für das sie berühmt sind (immerhin wird das gute „Tsingtao“, ein Kind der kolonialen Ambitionen des Deutschen Reichs, in China-Restaurants rund um den Globus gereicht). Viel wichtiger ist für die gesundheitsbewussten Rentner nach ihrem Frühsport die Tasse Tee, die oft noch gemeinsam genossen wird. Besonders kostbar gilt die Frühjahrsernte des grünen Tees, der in der Region angebaut wird und in diesen Wochen zum ersten Mal in diesem Jahr abgeerntet werden kann.

In Qingdao lässt es sich tatsächlich gut leben. Für uns war die Woche nach der hektischen und oft lauten Ankunft im 675 Kilometer entfernten Peking eine Wohltat, und auch die Einheimischen zählen, wie Umfragen ergeben, zu den glücklichsten Chinesen des Landes. Ihre Stadt weist übrigens auch heute noch, etwas mehr als 100 Jahre nach dem Ende der deutschen Zeit in Ostchina, viele europäische Züge auf: So entdeckt der Besucher nicht selten ein Fachwerkhaus oder geziegelte Dächer, wie sie sonst nur bei uns Zuhause zu finden sind. 





(Wie sehr die Deutschen die Stadt geprägt haben, zeigt sich übrigens auch im Dialekt: Der Gulli heißt hier doch tatsächlich „guli“.)

Doch trotz aller Begeisterung für das so saubere, leere Städtchen (im Vergleich zu Peking :-)): Einen Trugschluss gab es dann doch noch. Und zwar die Annahme, dass die Seeluft so viel frischer war als das, was wir für gewöhnlich in Peking einatmen. Als wir nach einem vermeintlich „nebeligen“ Tag die Luftqualität prüften, wurde uns klar, dass der „Nebel“ Qingdaos an diesem Tag auch der Luftverschmutzung geschuldet war. Tatsächlich wurden Feinstaub-Werte von über 150 gemessen – mehr noch als in Peking zur gleichen Zeit! Ein Wunder, welche Tricks unsere Fantasie, blauer Himmel und ein wenig Meeresrauschen uns spielen können…