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Montag, 11. Mai 2015

Halbzeit!


Wie schnell die Zeit vergeht, ist mir einmal mehr heute früh aufgefallen. Kaum trete ich aus dem Hauseingang an die frische Luft, blicke ich auf zwei neue Wohnhochhäuser (ok, für China sind es nur Wohnhäuser mittlerer Größe). Als ich vor sechs Wochen in meiner neuen Nachbarschaft angekommen bin, waren diese noch grau, alt, heruntergekommen - viele Wohnungen standen leer.

Bereits als ich vergangene Woche von meiner Reise zurückgekehrt bin, haben die beiden Riesen plötzlich in neuen Farben gestrahlt. Und heute morgen ist mir dann das erste Mal das Leben aufgefallen, das hinter den Scheiben Einzug gehalten hat - die neuen Pflanzen, die Wäsche auf den Balkons, das Licht hinter den frisch geputzten Scheiben.

Die Zeit rast. Kaum irgendwo merkt man das so extrem wie in China.

Auch während meiner Reise in den vergangenen Wochen habe ich viele Orte besucht, an denen die Zeit wie im Handumdrehen vergeht und Bauern sich fragen, wo die neuen Betonklötze vor ihrer Haustür plötzlich herkommen.

Meine letzte Station beispielsweise war Dalian, am Wochenende habe ich die ostchinesische Küstenstadt bei einem Wochenend-Trip besucht. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so viele Baustellen gesehen habe wie in Dalian.

Während alte Stadtteile quasi in Trümmern liegen und Bauarbeiter fleißig daran arbeiten, Altes zu erneuern, sprießen entlang der insgesamt 2000 Kilometer langen Küste der Sonderhandelszone vielerorts luxuriöse Wohn-Wolkenkratzer (und hier sprechen wir dann über 30, 40 oder gar mehr Stockwerke) in die Höhe. Den Quadratmeter gibt es hier ab 2500 Euro.

Vom Entwicklungsland China ist hier nichts mehr zu spüren.



 
Wie schnell die Zeit vergeht, habe ich auch gemerkt, als ich gesehen habe, wie viele Tage bereits seit meinem letzten Blogpost vergangen sind. Sechs Wochen bin ich nun bereits hier, Halbzeit quasi. Nur noch wenige Tage stehen mir in der Uni bevor, das Praktikum in der chinesischen Redaktion - da bin ich mir sicher - wird ebenfalls vergehen wie im Flug.

Ich schreibe deshalb viel, halte jedes einzelne Erlebnis fest, überlege, wo ich weitere Geschichten ausgraben kann, frage Interview-Parnter an. Viel Zeit im Reich der Mitte bleibt nicht, das spüre ich, wenn ich jetzt auf die erste Hälfte zurückblicke. Ich gebe deshalb Gas - so wie die Bauarbeiter vor meiner Haustür.




P.S. Ihr habt Lust, zwischendurch auch mal etwas außerhalb des Blogs von mir zu lesen? Für die Ärzte Zeitung habe ich beispielsweise meine Begegnung mit dem Smog in Peking festgehalten. Auf www.aerztezeitung.de erfahrt Ihr in meiner Kolumne regelmäßig, was mir passiert, wo ich im Alltag über Gesundheit stolpere - und wie sich unsere Ansichten darüber zum Teil doch unterscheiden. 

Sonntag, 19. April 2015

Das Wochenende ausklingen lassen




Was darf am Sonntagabend auf keinen Fall fehlen? Richtig, der Tatort. Ganz gleich, ob Alpenvorland oder Küste, ob deutsche Großstadt oder tiefste Provinz, um 20.15 Uhr wird an die TV-Ermittler übergeben. 

Auch für viele Deutsche, die im Ausland leben, darf dieses Ritual nicht fehlen. Etwa hier in Peking: Rund 3000 Deutsche leben in der Stadt; gut zwei Dutzend von ihnen treffen sich einmal im Monat, um ihren Lieblingsermittlern zuzuschauen. Sonntagabend, 20.15 Uhr. Und ich war heute Abend dabei :)
Dass es in Deutschland erst 14.15 Uhr war und der Tatort der vergangenen Woche lief, hat hier niemanden interessiert... 

Im „Zeit Berlin“ findet das regelmäßige Happening statt. Begrüßt werden die Gäste auf Deutsch, serviert werden Currywurst, Schnitzel und Weißbier. 


Und eben der Tatort: „Für mich ist das ein absolutes Muss“, sagt Frank. Der deutsche Student ist bereits zum zweiten Mal dabei. „Da kommen Heimatgefühle hoch.“

Mit genau diesen spielt übrigens die gesamte „Expat-Branche“, also jene Geschäfte, die sich speziell auf die Expatriate - oft von ihren Firmen entsandte, hoch qualifizierte internationale Arbeitskräfte - spezialisiert hat. So gibt es in Peking beispielsweise ein German Center, in dem deutsche Firmen, die Handelskammer, der Akademische Austauschdienst etc. untergebracht sind. Es gibt deutsche Ärzte, deutsche Anwälte, einen deutschen Pfarrer, den deutschen Bäcker und deutsche Restaurants. Im Paulaner Bräuhaus kann man das Oktoberfest feiern.

Auch am Samstagabend, als ich mit einigen Kollegen in einer kleinen Szene-Kneipe einem Konzert gelauscht habe, war ich als Europäerin definitiv in der Überzahl. 


Den „Tatort“ zeigt die deutsche Kneipe, deren Räume Charlottenburg, Steglitz oder Wedding heißen, seit einem halben Jahr. Key Wang, Tochter der Inhaber, kümmert sich über die Social Media-Kanäle darum, dass alle Deutschen Bescheid wissen. Gemeinsam mit Dietmar Renner hat sie den Tatort-Abend ins Haus geholt – und mittlerweile einen festen Fankreis von rund 25 Leuten um sich geschart.

„Ich wollte bei meinen Auslandsaufenthalten schon immer auch ein Stück deutsche Kultur vermitteln“, sagt Dietmar, der im IT-Support der Deutschen Schule in Peking arbeitet. „Und was eignet sich da besser als der Tatort?“ Alle vier Jahre zieht der Initiator gemeinsam mit seiner Frau, die für das Deutsche Amt tätig ist, weiter. Als nächstes wird der „Tatort“ in der Türkei gezeigt.

Dienstag, 7. April 2015

Meine chinesische Nachbarschaft




So chinesisch wie meine harte Matratze ist auch die Nachbarschaft – und genau deswegen liebe ich sie. Vor unserem Haus ist immer Leben: Da putzt der Fahrrad-Riksha-Fahrer bei Sonnenschein sein Gefährt, hier halten zwei Chinesinnen einen Plausch, und gegenüber liefert ein alter Mann auf seinem Karren noch mehr Steine für die Baustelle an. Julia mit ihren blonden Haaren und ich mit meinem Lockenkopf sind weit und breit die einzigen Ausländer (von denen es in Peking mittlerweile allerhand gibt!!) und werden dementsprechend mal ehrfürchtig beäugt, mal schüchtern gegrüßt, aber immer interessiert und offen behandelt. 


Gleich über die Straße ist man schon in Teilen von Pekings Altstadt, hier stehen dicht an dicht die traditionellen einstöckigen Häuschen in engen Gassen, den Hutongs, gedrängt. Für 20 Yuan, das sind ungefähr drei Euro, bekommt man hier – trotz der enorm gestiegenen Kosten im Vergleich zu vor fünf Jahren – noch immer ein leckeres Abendessen mit Bier. Wenn man denn bereit dazu ist, mal auf einem unbequemen Höckerchen zu sitzen... :)

Sonntag, 5. April 2015

Willkommen im Leben!


Meine Ankunft war schön, schrecklich, dreckig, aufregend, anstrengend – chinesisch eben.
Drei Monate werde ich in Peking leben und arbeiten. Und auch wenn (oder gerade weil) noch nicht gesackt ist, dass dies mein neues Leben ist, fühlt sich gerade alles noch sehr fremd und aufregend an.
Schon einen Tag vor meinem Abflug hatte ich erfahren, dass man meine Studienfreundin und neue WG-Mitbewohnerin Julia und mich wohl übers Ohr gehauen hatte: Statt wie üblich eine zum Leben ausgestattete Wohnung als „möbliert“ anzubieten, kam Julia am Dienstag in einer völlig leeren Wohnung an. Betten, zwei kleine Kleiderschränke, ein Schreibtisch, ein Sofa, ein Tisch, drei Stühle – das war’s. Kein Messer, kein Kochtopf, kein Mülleimer, kein Besen.

Nachdem wir die Wohnung gemeinsam gründlich inspiziert haben, denken wir jetzt aber, dass wir das vielleicht auch gar nicht gewollt hätten. Denn nicht nur aus dem Kühlschrank kam ein unverwechselbarer Geruch (Déjà-Vu), die Küchenzeile strotzte vor Dreck (weiße Ränder im schwarzen, klebrigen, jedes Regalbrett überziehenden Schmutz – genau dort, wo die Gläser gestanden hatten), und an den Wänden in meinem Zimmer hatte sich scheinbar das Kind der Vormieter ausgetobt (nebst einigen Hiphop-Künstlern, die ihre Graffitis an Wand und Kleiderschrank hinterlassen haben). Ob es die Kinder oder die Gangster waren, die irgendwann wohl einmal die Tür eingetreten haben, bleibt wohl das Geheimnis dieser vier Wände.
Im Supermarkt kam dann die Erfahrung ans Tageslicht: Den Chlorreiniger konnte ich dank meinen Erfahrungen aus dem Auslandssemester 2009/10 fast instinktiv aus dem Regalbrett greifen, dazu ein kräftiger WC-Reiniger und einige andere Fläschchen, die es so braucht. Lappen hatte ich in weiser Voraussicht zu Genüge aus Deutschland mitgebracht, und so begann die fröhliche Putzparty.

Igitt! So viel gab es in den Küchenschränken zu putzen... :)

Tatsächlich haben wir es nach Stunden und mittlerweile Tagen geschafft, es uns wohnlich zu machen. Da auch Julia nicht in der Wohnung bleiben will, wollen wir natürlich nichts in die Wohnung investieren – aber es braucht ja auch nicht immer viel. Und so haben wir im Wohnzimmer kurzerhand einen Stadtplan zur Dekoration aufgehängt, die Küche nach dem Schrubben mit meinem aus der Heimat mitgebrachten halben Hausstand ausgestattet und in meinem Zimmer jedes einzelne Graffiti mit einem Foto überklebt. Den Schrank konnte ich mit Nagellackentferner sogar von seinen Edding-Spuren befreien!  Und nachdem die dunkelrote Bettwäsche aufgezogen war, standen Julia und ich staunend vor dem Zimmer: Die passt farblich nämlich sogar zum Kleiderschrank, der mit Folie im bordeauxfarbenen Mahagoni-Look überzogen ist.

Geschafft: Dieses Zimmer ist in den kommenden Monaten mein neues Zuhause...

Was gäbe es wohl Schöneres, als sich nach solch einer anstrengenden Putzorgie ins Bett fallen zu lassen? Ahh… Doch weit gefehlt. Auf mein Bett fallen lassen sollte man sich lieber nicht, sogar einem gut gepolsterten Hintern droht dabei eine Steißbein-Fraktur. Denn die Auflage – ich verwende dieses Wort in dem Zusammenhang lieber als Matratze – ist rund sieben Zentimeter hoch, mit kruschpelndem Plastik überzogen und steinhart. Tatsächlich eine traditionell chinesische Matratze, denn sogar „weiche“ Betten sind hierzulande ungefähr so weich wie unsere härtesten Matratzen.
Nach zwei Nächten will ich mir noch immer sagen, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist und man sich an alles gewöhnen kann – und für den Rücken soll das ja sogar gut sein! Nach einer weichen Auflage, wie es sie mittlerweile vielerorts gibt, werde ich trotzdem die Augen offen halten. Sie könnte doch eine Investition sein, die ich trotz der kurzen Aufenthaltsdauer tätige…